Lernen und Gehirn

Das Gehirn ist ein Teil unseres Zentralnervensystems und kann als Steuerzentrum für alle im Körper ablaufenden Prozesse betrachtet werden. Es ist in der Lage unser Verhalten den wechselnden Lebensbedingungen auch langfristig anzupassen. Diesen Prozess bezeichnet man als Lernen.

Der erste Teil dieses Themas gibt einen Überblick über den Bau des menschlichen Gehirns und die Funktionen der verschiedenen Gehirnbereiche. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Bereichen, die für Lernen und Gedächtnis von Bedeutung sind. Daran schließt sich im zweiten Teil ein genauerer Blick auf das Gedächtnis an, gefolgt von Unterschieden bei den Lernprozessen von jungen und älteren Menschen im dritten Teil.
Zwischen den Sachtexten finden sich immer wieder gute Tipps, um das Gehirn fit zu halten oder Lernleistungen zu optimieren!

Teil 2: "Das Gedächtnis" - unser inneres Archiv

Lernen setzt voraus, dass das Gelernte im Gedächtnis verfügbar bleibt und jederzeit wieder abgerufen werden kann. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft ist, dass „das“ Gedächtnis nicht existiert. Vielmehr gibt es verschiedene Gedächtnissysteme, die sich nach funktionellen oder zeitlichen Kriterien unterteilen lassen. Sie alle dienen dazu, das Gelernte in unserem Nervensystem festzuhalten.1

                                                                                Abbildung: Die vier Gedächtnissysteme des Menschen2

Die Gedächtnissysteme werden nach funktionellen Kriterien unterschieden in explizites Gedächtnis und implizites Gedächtnis. Das explizite oder deklarative Gedächtnis umfasst alles, was man mit Worten ausdrücken kann, zum Beispiel Erinnerungen oder Faktenwissen. Es ist das bewusste Gedächtnis. Das implizite Gedächtnis speichert erlernte Bewegungsabläufe (prozedurales Gedächtnis) und alle gewohnheitsmäßigen Kenntnisse, die weitgehend unbewusst sind und daher nur schwer in Worte gefasst werden können. Auch Lesen ist eine Fähigkeit des impliziten Gedächtnisses: wir wissen nicht, wie wir es machen, aber wir haben es mühsam erlernen müssen.

Manche Autoren ergänzen noch ein emotionales Gedächtnis, das, teils bewusst, teils unbewusst, alle Geschehnisse nach positiv oder negativ bewertet.1,3 Unser Gedächtnis ist sehr dynamisch: Jede neue Erfahrung wird in vorhandene Erfahrungen eingebettet und verändert sie. Jeden Tag sind wir – meist unmerklich – ein anderer Mensch.

Manche Autoren ergänzen noch ein emotionales Gedächtnis, das, teils bewusst, teils unbewusst, alle Geschehnisse nach positiv oder negativ bewertet.1,3 Unser Gedächtnis ist sehr dynamisch: Jede neue Erfahrung wird in vorhandene Erfahrungen eingebettet und verändert sie. Jeden Tag sind wir – meist unmerklich – ein anderer Mensch.

Das Gedächtnis lässt sich nicht nur nach seinen Inhalten einteilen, sondern auch nach zeitlichen Gesichtspunkten: es gibt ein Kurzzeitgedächtnis und ein Langzeitgedächtnis. Das Kurzzeitgedächtnis wird heute funktionell als Arbeitsgedächtnis bezeichnet. Dieser Speicher befindet sich größtenteils im Stirnlappen und hat eine Kapazität von 7+/-2 Elementen.

Das Arbeitsgedächtnis ist das entscheidende Nadelöhr unserer Gedächtnisleistungen: Es bestimmt unter anderem, wie lange wir uns auf eine Aufgabe konzentrieren und wie viele Gedankenschritte wir im Voraus planen können. Die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses wirkt sich auf alle Gedächtnisleistungen aus: je besser man sich konzentrieren kann, und je mehr Fakten man im Kopf hin und her jonglieren kann, desto besser ist die Erinnerungsfähigkeit.

Während das Arbeitsgedächtnis in seiner Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt ist (nur 7+/-2 Elemente können gleichzeitig verarbeitet werden), hat das Langzeitgedächtnis eine nahezu unbegrenzte Speicherkapazität. Für autobiographische Erinnerungen und Faktenwissen dient insbesondere der Hippokampus im limbischen System als Filter: er entscheidet welche Informationen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überführt und lange abgespeichert werden. Der Speicherort des Langzeitgedächtnisses ist allerdings die Großhirnrinde.

Da auch unser emotionales Verhalten durch das limbische System gesteuert wird, haben Gefühle einen maßgeblichen Einfluss auf unser Gedächtnis. Das limbische System ist die Instanz, die wichtige Informationen aussortiert, bündelt und mit Emotionen versieht, bevor diese im weit entfernten Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Lernen, Gedächtnis und Gefühle hängen also hirnanatomisch ganz eng zusammen. Daher ist eine positive Einstellung dem Lernen gegenüber eine wichtige Voraussetzung für die Gedächtnisleistung.1,2

Um aus Informationen sinnvolles Wissen zu gestalten, dürfen nicht beliebig viele Informationen gespeichert werden, sonders es muss eine Auswahl getroffen werden. Ohne eine selektive Sinneswahrnehmung, eine selektive Aufmerksamkeit und ein selektives Gedächtnis ist niemand in der Lage aus der Flut von Informationen, mit der wir ständig konfrontiert sind, einen Sinn zu erschließen.2 Bevor etwas langfristig gespeichert wird, muss es erst eine Testphase im Hippokampus überstehen. Hier werden Erinnerungen kurzzeitig gespeichert, und nur wenn sie sich von bisherigen Erfahrungen unterscheiden und eine Nutzen versprechen, werden sie – meist im Schlaf – im Langzeitgedächtnis abgelegt.4,5

 

Quellen:

1. Roth, Gerhard und Ryba, Alica (2016): Coaching, Beratung und Gehirn – Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Klett-Cotta 2016, dritte Auflage 2018

2. Korte, Martin (2009): Wie Kinder heute lernen – Das Handbuch für den Schulerfolg. Deutsche Verlags-Anstalt München DVA

3. Roth, Gerhard (2020): Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Klett-Cotta 2020

4. Spitzer, Manfred (2006): Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2006

5. Beck, Henning (2017): Irren ist nützlich. Hanser-Verlag

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